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NICHTS BESCHÄDIGT

In Bad Saarow, das etwas siebzig Kilometer von Berlin entfernt liegt, baute der Architekt Werner Wittkower 1930 das jüdische Kinderheim Grunewald. In dem Gebäude, das als Erholungsstätte für hilfsbedürftige Kinder geplant wurde, wohnten etwa vierzehn Kinder, zwei Erzieherinnen und eineHauswirtschafterin.

Es war das erste Gebäude des damals noch jungen Architekten, der zunächst Kunstgeschichte und Archäologie in Berlin und Heidelberg studiert hatte, aber bald an die Technische Hochschule Stuttgart wechselte, um bei Paul Bonatz und Paul Schmitthenner Architektur zu studieren. SeinBruder war der bekannte Kunsthistoriker Rudolf Wittkower.

Ein Foto von der Eröffnungsfeier – eines der wenigen Aufnahmen dieses Gebäudes – zeigt Werner Wittkower zusammen mit dem Bauherrn, dem Berliner Unternehmer, Hartog Frankund dem Rabbiner Emil Cohn. Es wird angenommen, dass Emil Cohn, der Rabbi an der Grunewald-Synagoge in Berlin war, am Bau des Kinderheims maßgeblich mit beteiligt war. Cohn war als Theaterautor und Schriftsteller und als Autor von Lehrbüchern zur jüdischen Religion und zur hebräischen Sprache bekannt. Doch am bekanntesten war er wohl für seine fortschrittlichen pädagogischen Konzepte, seine Kinderbücher und Vorstellungen zu neuem Unterrichtsmaterial. So verfasste er von 1928 bis 1936 den »Jüdischen Kinderkalender« und »Die Haggadah des Kindes«, welche Cohn zusammen mit AM Silbermann 1933 herausgab.

Mit ihren Illustrationen und Schiebebildern sollten die Werke den Kindern spielerisch die jüdischeKultur und Religion näher bringen. Auch die Kinder des Grunewald-Kinderheims wurden unteranderem mit Cohn’s Büchern, Unterrichtsmaterialien, Kalendern und Musikstücken unterrichtet.

Werner Wittkower baute 1931 noch ein weiteres Gebäude in Berlin, die Villa Rojek. Mit der Machtübernahme Hitlers war Wittkower gezwungen zu emigrieren. Doch während ihm seine Flucht über die Schweiz nach Palästina gelang, und er nach seiner Ankunft in Tel Aviv mitseinen Wohnsiedlungen, Villen und Hotels, das Stadtbild Tel Avivs maßgeblich mit prägte, nahm es für das Kinderheim ein tragisches Ende.

In einem Bericht der Ortspolizeibehörde Bad Saarow, der die Schäden an jüdischen Einrichtungen und Wohnhäusern zur Reichspogromnacht 1938 dokumentierte, wurde für das Kinderheim die Bemerkung »nichts beschädigt« eingetragen. Jedoch wird aus einem weiterenBericht vom Dezember deutlich, dass in dieser Nacht Angriffe sexuellen Missbrauchs gegen die Mädchen und Erzieherinnen des Heims verübt wurden. Das Kinderheim wurde daraufhin geschlossen. Über den Verbleib der Kinder und Frauen ist angeblich nichts bekannt.

Ein Projekt von:

Ayla Güney (ayla.gueney@uni-weimar.de)

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