MoGe-40/14

SEAMLINEMONUMENT
Eine mögliche Geschichte des Shuk Talpiot in Haifa.

Moses (Moshe) Gerstel alias Mauricy Gerstel, geb. 5. April 1886 in Jaryczów Nowy (Galizien) hatsein Architekturstudium von 1908/09 bis 1913/14 an der k.k. Technischen Hochschule in Lemberg absolviert und nach seinem Kriegsdienst 1917 an der Technischen Hochschule Wien bei Max Fersteldie II. Staatsprüfung abgelegt. Nach intensiver Bautätigkeit in Wien und Umgebung, wanderte er1922 nach Bukarest aus, wo er im Büro seines Schwiegervaters arbeitete. Vermutlich auf Grund deswachsenden Antisemitismus wanderte er 1933 nach Haifa, in das Britische Mandat Palästina aus. Erwar kein Zionist und baute vorrangig für arabische Bauherrn.

Das Werk Moshe Gerstels ist außerhalb von Haifa wenig bekannt. Erst in den letzten Jahren wurdebegonnen, sein Schaffen zusammenzutragen und in den geschichtlichen Kontext der verschiedenenpolitischen und architektonischen Phasen Haifas zu setzen. Dabei scheint eine konträre Auffassungzum Umgang mit dem Erbe lokaler Bautradition und der Haltung zum Modernen Stil der jüdischenEmigranten aus Europa auf: Während er für seine arabischen Bauherrn eine Fusion beider Stileanstrebte, so scheinen sich seine öffentlichen Bauten auf den ersten Blick als „Bauhaus-Bastionen“gegen die gewachsene arabische Stadt abzugrenzen. Dieser Diskrepanz soll in dem Dokumentarfilmnachgegangen werden. Besonders spannend ist dabei die Frage, wie er, nach einer konservativenArchitekturausbildung in Europa, den Weg zum Modernen Stil einschlug und diesen in den Kontextlokaler Bautradition setzte. Das Stadtviertel Hadar HaCarmel ist Ausgangspunkt der Untersuchung.In dem damals selbstverwalteten jüdischen Stadtteil von Haifa, welches im Zuge der BesiedlungEretz Israels seit Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden war, ließ er einerseits herausragende Villenfür das arabische Großbürgertum errichten und gleichzeitig einen viel diskutierten Bau, den TalpiotMarkt. Im Zuge der Spannungen zwischen Arabern und Juden Mitte der dreißiger Jahre, beschlossendie jüdische und arabische Stadtverwaltung den Bau eines geschlossenen Marktes, da sich diejüdische Bevölerung nicht mehr sicher wähnte.

Moshe Gerstels Entwurf gewann den Wettbewerb 1937 und wurde anschließend realisiert. DerMarkt scheint als solcher allerdings nie richtig funktioniert zu haben. Obwohl die klar strukturierteAufteilung des Gebäudes höchsten funktionalen Ansprüchen entsprach, hatte sich in den Straßenein eigenständiges Marktgeflecht entwickelt, welches sich nur schwer mit dem modernen Bauidentifizieren konnte. Auch die wirtschaftlichen Höhen und Tiefen der Handelsstadt Haifa imglobalen Kontext der Kriege und Aufstände spiegeln sich in der Nutzung wieder. So wurde derMarkt angeblich während des Befreiungskrieges zur Staatsgründung Israels sowohl von derbritischen Armee, als auch jüdischen Kämpfern als strategischer Überwachungspunkt genutzt.Heute ist das Viertel verarmt und vernachlässigt, das jüdische Bürgertum ist bereits vor Jahrzehntenin die höher gelegenen Viertel am Carmel-Gebirge gezogen. In den 1990er Jahren wurde Hadardann mit Immigranten neu besiedelt. Allerdings gibt es in den letzten Jahren Bestrebungen, das Viertel aufzuwerten. Der Talpiot Markt wird neben dem ihn umgebenden Straßenmarkt noch imErdgeschoss genutzt. Er ist eine belebte moderne Ruine neben den Ruinen der zerstörten arabischenStadtviertel.

Besonders das Myrah Warhaftig Archiv, das Stadtarchiv Haifa und das private Archiv des Architekten,verwaltet durch seinem Enkel Moshe Gerstel, sollen eine präzise Analyse der Geschichtsschreibungder Person Moshe Gerstel und des Talpiot Marktes erlauben.

Ein Projekt von:

Julia Tarsten (julia.tarsten@uni-weimar.de)

zum Film (passwortgeschützt)