LoCo-32/15

DAS HAUS DER SCHWESTERN COHN
»In Rechavia – das neue Domizil, ist mehr im Bauhaus-Stil.«

Rehavia, ein sich in den 1920er Jahren neu bildendes Stadtviertel in Jerusalem westlich der Altstadt wird innerhalb weniger Jahre Ausgangspunkt der Handlung eines akademischen Freundeskreises jüdisch deutscher Einwanderer. Als Zentrum des Austauschs und Verbreitung von Ideen dieser Gemeinschaft wurde unter anderem das „Das Haus der Schwestern Cohn“ bekannt. Das Haus wurde von der jüngsten der drei Schwestern, der Architektin Lotte Cohn zwischen 1927 und 1936 geplant und realisiert. Die Bauakte mit sämtlichen Plänen für das Haus in der Abarbanel Straße 28 ging in den 40er Jahren verloren. Heute ist der Bau inmitten einer lebhaften und teuren Wohngegend verschlossen und unzugänglich, und scheint dem Abriss geweiht.

Ohne Möglichkeit eines Zugangs zum Haus, versucht dieser Film eine Annäherung. Auf der Suche nach der Geschichte dieses Hauses, seiner Architektin und dem Raumaufbau, der durch den Verlust der Bauakten eigentlich ohne Zugang zum Haus nicht zu verstehen ist, dokumentiert der Film nicht nur den Baubestand, sondern wird auch zum Medium einer Rekonstruktion. Literarische Quellen über Erinnerungen von Besuchern und Gästen des Hauses, sowie Gespräche mit Nachbarn und Experten werden herangezogen, um die Bilder des Filmes in eine Bauzeichnung zu übertragen. Der Prozess der Rekonstruktion der Pläne erzählt bald auch die Geschichte der wechselnden Umstände der Bewohner dieses Hauses.

Ein erst 2013 aus dem Verborgenen wiederaufgetauchtes Foto aus dem Nachlass einer Nichte Lotte Cohns, sowie einige wenige Innenraumfotos von 2005 aus dem Privatnachlass von Dr. Ines Sonder, der Autorin, die 2010 eine Biographie Lottes veröffentlichte, werden zum Ausgangspunkt der Bildinterpretation. Fotografien der damaligen Bibliothek des Religionswissenschaftlers Gershom Scholems, der ab 1936 in der oberen Etage bis zu seinem Tod 1982 wohnte, eröffnen Möglichkeiten für die Rekonstruktion des Grundrisses. Das Zusammentragen der Informationen führt zu einer denkbaren Raumkonfiguration des sich über die Jahre immer wieder leicht ändernden Grundrisses.

Lotte, eine der ersten weiblichen Absolventinnen der Technischen Hochschule Charlottenburg, geht aus zionistischer Überzeugung 1922 mit 28 Jahren nach Jerusalem. Als Assistentin Richard Kauffmanns wird sie oft als die erste Architektin Israels bezeichnet. Im selben Jahr wird Kauffmann mit der Planung einer neuen Vorstadtsiedlung beauftragt. Rehavia ist der spätere Name des heutigen Stadtviertels, das bis dahin ein karges, bergig-steiniges Landbild prägt. Anfang 1927 erwirbt Lotte das Grundstück in der Abarbanel Straße 28 für den Bau ihres eigenen Hauses. Aus Finanzierungsgründen kann nur ein Teil der eigentlichen Parzelle gekauft werden, so ergibt sich ein zur Straße hin schmal ausgerichtetes Baufeld. Fünf Jahre vergehen bis der Bau des Hauses beginnen kann. Lotte dichtet später über den flachen, rektangulären Bau aus Beton: „In Rechavia – das neue Domizil, ist mehr im Bau¬haus-Stil.“ Die älteste der drei Schwestern Helene zieht mit der Bewirtschaftung eines Restaurants immer mehr Gäste an. Jüdische deutsche Touristen kommen in das Gartenviertel, welches als „Grunewald von Jerusalem“ mit dem Vorort Berlins verglichen wird. Sie wollen sich ein Bild von einer möglichen neuen Heimat machen. Ende 1933 wird der ebenerdige Bau mit einer zweiten Etage und einer darüberliegenden Dachterrasse aufstockt. Die an zwei Fassadenseiten angesetzte Außentreppe prägt jetzt das Erscheinungsbild des Baukörpers. 1936 wird die „Pension Helene“ zur Herberge Gershom Scholems. Gemeinsam mit seiner Frau Fania sind sie die letzten Bewohner des Hauses. Nach Ihrem Tod steht das Haus leer und ist heute dem Verfall ausgesetzt.

DANK AN
Dr. Ines Sonder, Prof. Dr. Zvi Efrat, Dr. Edina Meyer-Maril, David Frenkel, Ruth Sheynis, Leoni Schein

EIN PROJEKT VON

Christa Storch
storchrista@googlemail.com

Filmlänge: 25:00 min

 zum Film (passwortgeschützt)