JuSe-36/15

EDEN IN KIRYAT MEIR

Ausgangspunkt und Thema dieser filmischen Recherche ist ein Koffer, der 1994 im Keller eines jüdischen Seniorenheims in München gefunden wurde. Er enthielt verschiedene Pässe, Pläne, Skizzen, Fotografien und einen selbstgeschriebenen Lebenslauf der verstorbenen Judith Segal. Die Unterlagen helfen, das Lebensmosaik einer fast vergessenen Architektin wiederherzustellen – ein Paradigma jüdischen Schicksals im 20. Jahrhundert. Nach einem Architekturstudium an der TU Danzig hatte sie sich in Berlin, unter anderem bei Leo Nachtlicht, eine Existenz aufgebaut, die sie jedoch aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten aufgeben musste. Sie emigrierte 1933 nach Palästina. Dort baute sie sich als eine der ersten Architektinnen ihre zweite Karriere durch den Erfolg in Wettbewerben auf. Im Herzen der Stadt Tel Aviv liegt versteckt im Großstadtlärm eine Gartensiedlung, die Zeitlosigkeit und Ruhe ausstrahlt. Die von Judith Segal geplante Gartensiedlung Kiryat Meir (Bauzeit 1934-36) in Tel Aviv ist ein Beispiel des Internationalen Stils. Er verkörpert den europäischen Zeitgeist dieser Architektin, den sie und viele andere emigrierte jüdische Architekten mit ins damalige Palästina brachten, um die Stadt Tel Aviv aufzubauen. Kiryat Meir war ein durch die Histadrut, den Allgemeinen Arbeiterverband Israels, initiiertes und gebautes Projekt und gilt noch heute als ein typisches Beispiel schlichter, funktionaler, moderner Gartensiedlungsarchitektur. Als Teil der White City steht Kiryat Meir seit 2003 als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO.

Durch die Wiederentdeckung des von der Kunsthistorikerin Edina Meyer-Marils gesammelten und bisher unveröffentlichten Bildmaterials, lässt sich die Geschichte der Siedlung lesbar machen und rekapitulieren. Die Fotografien von 1936 zeigen elf linear aufgereihte Zeilen mitten im Bauprozess, die aus ihrem Kontext herausgelöst wirken. Denn dieses frühe Beispiel für den Siedlungsbau der gerade entstehenden Stadt Tel Aviv entsteht auf dem Grund des arabischen Dorfes Summeil und in einer noch ländlich geprägten, offenen Landschaft, am Stadtrand. Gleichzeitig offenbaren die frühen Aufnahmen der Siedlung in ihrem Entstehungsprozess den Hintergrund der sozialen Idee des Wohnungsbaus für Arbeiter. Sie bilden einen Kontrast zu den bisher bekannten Fotografien jener Zeit, die das moderne Bauhaus-Image des Bürgertums darstellen.

Umfeld und Zustand der Siedlung haben sich gegenüber ihrer Entstehungszeit sehr verändert. Der noch erkennbare Internationale Stil wurde durch die Wohnungseigentümer aufgebrochen. Sie haben die Apartements an ihre persönlichen Wohnbedürfnisse angepasst und damit der Siedlung ein anderes Erscheinungsbild gegeben. Einer Wiederherstellung des Originalzustandes im denkmalpflegerischen Sinn steht entgegen, dass damit nicht den heutigen Anforderungen der Baubehörde an Erdbebensicherheit und Schutzräumen entsprochen werden könnte. Das umfangreiche Sanierungsprojekt einer Investorengruppe beabsichtigt die Wohn- und Lebensqualität der Siedlung zeitgemäß zu erhöhen. Zugleich würde sie in diesen Architektenvisionen jedoch bis zur Unkenntlichkeit verändert. Dieser Interessenskonflikt der Parteien (Bewohner, Denkmalschutz, Architekten und Investoren) führt dazu, dass die Sanierung der Siedlung stagniert. Prof. Dr. Zvi Efrat (Bezalel University Jerusalem) beurteilt dies als einen Gewinn an Zeit, durch den diese Siedlung die Chance auf eine andere Zukunft („ein besseres zweites Leben“) erlangen könnte.

DANK AN
Prof. Dr. Edina Meyer-Maril, Prof. Dr. Zvi Efrat, Dr. Jeremie Hoffmann, Omer Rabin (Bar Orian Architects, Tel Aviv), Sharon Golan, Prof. Dr. Sharon Rotbart, Dr. Sigal Davidi, Roy Tamir, Dipl.-Ing. Andreas Hecker, Stephanie Buck (Karlsruher Institut für Technologie), Gudrun Niederstadt (Saul-Eisenberg-Seniorenheim München), Residents in Kiryat Meir: Martin, Carol Levin, Yerach Gover

EIN PROJEKT VON

Martha Manca-Frommann
martha.manca.frommann@uni-weimar.de

Ronja Rexheuser
ronja.rexheuser@uni-weimar.de

Filmlänge: 15:27min

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