FrLa-36/15

MONUMENTAL
»Architektur für den höchsten Zweck«. Das Nachleben der Synagoge in Willesden Green, London

Ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gelang der Familie des jüdischen Architekten Fritz Landauer (1883-1968) die Emigration nach London. In England eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, war zur damaligen Zeit äußerst schwierig. Da die britischen Kollegen eine ‚Übersättigung’ des Arbeitsmarktes durch Immigranten befürchteten, wurde der Konkurrenzkampf immer stärker. Schon bald sah sich das Royal Institute of British Architects dazu gezwungen, strenge Regularien für die Vergabe der Zulassungen einzuführen. Wollte ein Architekt in die Kammer eintreten, musste er eine ‚special qualification‘ vorweisen können und sich diese von mindestens zwei britischen Kollegen bestätigen lassen. Im Falle Landauers war dies der Synagogenbau. In Zusammenarbeit mit den Architekten Herbert W. Wills und William Kaula bekam Landauer 1935 den Auftrag zum Bau der Willesden Green Synagogue.

Die Fassade der bereits 1936 fertiggestellten Synagoge wurde in typisch britischer Bauweise in Ziegelstein ausgeführt. Das Gebäude, das nur über die kleine Nebenstraße Heathfield Park erschlossen werden kann, fügt sich nahtlos in den Kontext seiner Nachbarschaft ein. Die einzige Fassade, die sich dem öffentlichen Raum präsentierte, war mit aufwändigen Maurerarbeiten verziert. Über die gesamte Mauerfläche zogen sich Bänder vertikal gestellter Ziegelsteine. Als bauliche Reaktion auf den angrenzenden Straßenverlauf wurde die vertikale Mittelachse mit Formausbrüchen versehen, die an Faltungen erinnern. Dies schaffte eine Akzentuierung der Eingangssituation und stärkte gleichzeitig das prismenförmige, zentrale Fenster in der oberen Hälfte der Fassade. Kurioserweise wurden die Voluten der Kapitelle falsch herum geplant und der Dachanschluss mit grobem Bossenwerk versehen. Traditionell kommt diese Steinart eher im Sockelbereich zum Einsatz. Es scheint, als wollte Landauer die Synagoge Kopf stehen lassen. Der Innenraum überraschte mit einer Höhe, die man von außen nicht erwartet hätte. Die Prinzipien zur Steigerung der Monumentalität, die Landauer während des Baus der Plauener Synagoge entwickelt hatte, scheinen auch hier zum Zuge gekommen zu sein. Die Innenausstattung hielt der Architekt sehr schlicht. Dekorativ, hob er nur den Thoraschrein und den Almemor hervor. Ähnlich wie bei der Synagoge in Plauen, beinhaltete das Raumprogramm neben der Gebetshalle auch Räumlichkeiten für Unterricht und Verwaltung.

Der ursprüngliche Entwurf Landauers wurde bereits 1939 von unbekannter Hand verändert. An den südwestlichen Teil der Synagoge wurde angebaut. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch in London lebte, schloss der Vorstand der Gemeinde Landauer von dem Projekt aus. Angeblich wären seine fehlenden Sprachkenntnisse Schuld daran gewesen, dass die Kosten des ersten Bauvorhabens weitaus höher ausgefallen waren, als zuvor kalkuliert. Da die Gemeinde auch in den 1960er Jahren weiter wuchs, wurde der Entschluss gefasst, die Synagoge durch einen Neubau aus Betonfertigteilen zu erweitern. So wurde an die ursprüngliche Architektur Landauers zwar angebaut, die eigentliche Substanz blieb aber bis in die späten 1990er erhalten. In diesem Zeitraum schrumpfte jedoch die lokale jüdische Bevölkerung in Willesden Green zunehmend. Das Platzangebot des über die Zeit gewachsenen Ensembles wurde zu groß. Aus diesem Grund wurde 2000 der von Landauer errichtete Teil inklusive der Erweiterung von 1939 an die UCKG, einer christlichen Pfingstgemeinde aus Brasilien, verkauft.

Der Film ‚Monumental. Architektur für den höchsten Zweck’ beschäftigt sich mit dem Nachleben und den baulichen Veränderungen zweier Synagogen Fritz Landauers, der Willesden Green Synagoge und einer Synagoge in Plauen (Verweis: Signatur FrLa-30/15).

DANK AN
Harald Gäbel, Joachim Frotscher (Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten Plauen), Stadtarchiv Plauen, Gerd Neumann (Vogtlandmuseum Plauen), Dr. Barbara Wolf, Dr. Werner Lutz (Architekturmuseum Schwaben Augsburg), Jüdisches Kulturmuseum Augsburg, Dr. Sabine Klotz, Dr. Kurt G. F. Helfrich (British Architectural Library – Royal Institute of British Architects), Daniel Leon (Brondesbury Park Synagogue), UCKG London, Julia Seewald, Valerie Servais, Olivia Phillips, Greta Schachermayer, Sebastian Wanke, Arbeitsgmeinschaft RW17, Brigitte Kunz (Natursteinwerk und Steinbruchbetrieb Schubert), Steinmetz Dospiel Weimar

EIN PROJEKT VON

Paul Jochim
paulheinrich.jochim@gmail.com

Lukas Schlicht
schlicht.lukas@live.de

Christoph Hayn
christoph.hayn@gmail.com

Filmlänge: 27:34min

zum Film (passwortgeschützt)