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ZURÜCKGELASSENE FRAGMENTE
Bruno Kalitzki und die Chemnitzer Lichtburg.

Am Abend des 11. Juli 2014 findet im Hinterhof der Augustusburgerstrasse 31 auf dem Geländes des ehemaligen Lichtburg Kinos in Chemnitz eine Freilicht-Filmvorführung statt. Anwohner, Eigentümer,Filmliebhaber und an der Stadtgeschichte Interessierte sind eingeladen, um einen vergessenen Ortgemeinsam zu begehen, und die Ausmaße des Kinos, von dem nur noch Ruinen übriggebliebensind, wiederzuentdecken. Einige ältere Anwohner kennen das Kino noch aus Ihrer Kinderzeit undkönnen sich noch an seine Räumlichkeiten erinnern. Für andere sind die Überbleibsel des Gebäudeszur familiären, doch nicht näher erkundeten Kulisse für Parkplatz, Garagenreihen, Wäscheplatz,Abstellflächen oder abenteuerlichen Spielplatz geworden. Erst der Besuch des Geländes mit derKamera weckt Neugier und Sorge über das Anliegen dieser unbekannten Eindringlinge.

Das Lichtburg Kino wurde 1929 von dem Architekten Bruno Kalitzki gebaut. Bruno Kalitzkigehörte der Generation von Architekten an, die vor dem Ersten Weltkrieg eine eher konservativeArchitekturausbildung erfuhren und sich dann im Laufe der Zwanzigerjahre nach und nach zu einermodernen Haltung entwickelten. Mit seinem wohl berühmtesten Werk, dem Kino »Roter Turm« unddem Lichtspielhaus »Schauburg« wurden 1929 gleich zwei Großkinos in der Chemnitzer Innenstadtfertiggestellt. Er wurde danach des Weiteren beauftragt, in seiner Heimat Chemnitz Kulturbauten,luxuriöse Geschäftshäuser und Villen zu entwerfen.

Doch 1933 als die antisemitische Stimmung und die zunehmende Diskriminierung von Juden immermehr artikuliert wurde, entschied sich Kalitzki mit seiner Familie nach Palästina zu fliehen. Auchwenn durch die Weltwirtschaftskrise die Bautätigkeit in den frühen 1930-er Jahren annähernd zumStillstand gekommen war und Kalitzki zu diesem Zeitpunkt kaum Aufträge hatte, so gab er doch eineseit Ende des Ersten Weltkrieges aufgebaute, solide Existenz auf.

In Haifa fand er zwar einen neuen Büropartner, und konnte insgesamt noch etwa sechs Wohnhäusererrichten, doch empfand er den Schritt ins Exil im Alter von 43 Jahren als ein sehr frühes Karriereende. 1953 verstarb Kalitzki in Haifa.

Kalitzki‘s Kino »Roter Turm« wurde bei einem Bombenangriff am 5. März 1945 vollkommenzerstört. Vom Lichtspielhaus »Schauburg«, das zu diesem Zeitpunkt bereits »Lichtburg« hieß, blieben das Vorderhaus mit dem Eingangsbereich und die Rückwand des Kinosaales erhalten. Derlanggestreckte Raum, der sich von den Kassen bis zum Vestibül und den Garderoben gegenüberden Türen zum Saal zog, wurde über die Jahre mehrfach unterteilt und zu Lagerräumen, einerHausmeisterwerkstatt und zu einem Fernwärmetechnikraum umgenutzt. Die ehemals zwischenden Säulen angeordneten Logen wurden mit einfachen Abtrennungen in kleine Lagerabteileverwandelt. So entstand eine nutzbare Hinterhofstruktur, die bis heute gut erhalten ist. Während dievom Krieg nur wenig in Mitleidenschaft gezogenen umliegenden Wohnhäuser 1986 zugunsten einer Plattenbebauung abgerissen wurden, hielt sich – als gäbe es eine unterbewusste Wertschätzungfür die alten Ziegelmauern – selbst die ehemalige Außenwand am östlichen Ende des Kinosaales als Grundstücksabgrenzung.

 Ein Projekt von:

Ferdinand Salzmann (ferdinand.salzmann@uni-weimar.de)
Sebastian Richter (sebastian.richter@uni-weimar.de)

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