BrKa-27/15

STRUMPFKONTOR
Bruno Kalitzki und die Gebrüder Sussmann AG in Chemnitz

Massiv erhebt sich das ehemalige Verwaltungsgebäude der Gebrüder Sussmann AG in die Höhe. Es trägt die Merkmale gegensätzlicher Stile in sich. Die konvexe Fassadenform, vermittelt einen dynamischen, modernen Eindruck. Wohingegen der Zentraleingang in klassischer Symmetrie angelegt ist. Im Inneren führen die Treppenhäuser zu langen Fluren mit unzähligen Bürotüren deren Fluchten sich durch die Biegung des Gebäudes geschickt verkürzen. So wie die meisten leerstehenden Gebäude in Chemnitz steht das ehemalige Strumpfkontor, der Sussmann AG Strumpf und Wirkwaren als ein Relikt der erfolgreichen Industriegeschichte der Stadt inmitten einer von Gras und Unkraut überwucherten Landschaft.

1923 errichtete der Architekt Bruno Kalitzki das Verwaltungsgebäude, für die Gebrüder Sussmann, zwei jüdische Textilhersteller. Prestigeträchtige Bauprojekte, darunter auch die Chemnitzer Lichtburg (Verweis Signatur: BrKa- 29/14) folgten für den Architekten. Aufgrund der antisemitischen Anfeindungen, die Kalitzki in Chemnitz erfuhr, emigrierte er 1933 nach Palästina, wo er aber seine erfolgreiche Karriere nicht fortsetzen konnte. Die meisten Chemnitzer Bauten von Kalitzki wurden zerstört oder sind nur als Bauruinen erhalten. Allein ein Gebäude für die Sussmann AG ist bis heute fast unverändert geblieben.

Der Film ‚Strumpfkontor’ begibt sich auf eine Spurensuche nach der Geschichte des Gebäudes und seiner Nutzer. Im Gegensatz zur noch relativ gut erhaltenen Substanz des Gebäudes sind die Bauakten des Grundstücks Altchemnitzer Str. 40 im Stadt- und Bauaktenarchiv der Stadt Chemnitz unvollständig. Die Unterlagen zum Bauprozess und zur Zusammenarbeit zwischen den Sussmanns und dem Architekten in den Jahren zwischen 1923 und 1933 fehlen. Vermutlich sind die Bauakten zerstört worden, als im Verwaltungsakt die von Hugo Sussmann und einem anderen Architekten 1933 eingereichte Umnutzungsplanung des Gebäudes bearbeitet wurde. Der Umnutzungsplan wurde 1935 genehmigt, jedoch nicht umgesetzt. 1935 zog die sogenannte Fachgruppe für Textilmaschinen, der Wirtschaftsgruppe für Maschinenbau in das Gebäude. Bereits 1938 wurde das Kontorgebäude mit Schutzräumen für einen Kriegsfall ausgestattet. Nach Kriegsende wird das Gebäude zunächst weiterhin von der Fachgruppe für Textilmaschinen und später für einen staatlichen Textilbetrieb der DDR genutzt. Nach der Wende bezieht das Sächsische Landesamt die Räumlichkeiten. 2008, mit der Verwaltungsreform in Sachsen wurde das Sächsische Landesamt für Familie und Soziales aufgelöst und das Gebäude geschlossen.

Dieser Film versucht, auf einem Weg durch das Haus, durch Treppenaufgänge, Flure und Gemeinschaftsräume, die Arbeitsatmosphäre des Kontors und die Geschichte der von hieraus geleiteten Strumpfherstellung in einem nahegelegenen Fabrikgebäude zu rekonstruieren. Noch vor kurzer Zeit scheinen hier Akten gestapelt, sortiert und abgeheftet worden zu sein. Raum für Raum tastet sich die Kamera vor. Die Geschichte der Fabrikbesitzer Hugo und Arthur Sussmann bleibt dabei ein schmerzlicher Nachhall. Während Arthur Sussmann 1933 nach Südfrankreich emigrierte, blieb Hugo Sussmann auch nach der Liquidierung der Fabrik in Chemnitz. Nach Jahren der Zwangsarbeit in Chemnitz wurde er 1944 verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er noch im gleichen Jahr ermordet wurde.

DANK AN
Bauaktenarchiv Chemnitz: Eliska Böhmová (Archivarin), Frau Neumeister (Abteilungsleiterin Verwaltung/Baurecht), Industriemuseum Chemnitz: Anett Polig (Öffentlichkeitsarbeit), Christa Kant (Vorführerin), Stadtarchiv Chemnitz: Jutta Aurich (Sachgebietsleiterin), Deutches Strumpfmuseum Gelenau: Andreas Hofmann, Jewish Claims Conference: Peter Heuss, Sachbearbeiterin Staatsarchiv Sachsen: Viola Dörffeldt

EIN PROJEKT VON

Jonathan-David Wedler (jonathan-david.wedler@uni-weimar.de)
Zongbin Yang (zongbin.yang@uni-weimar.de)

Filmlänge 16:00min

zum Film (passwortgeschützt)