AlKl-30/15

DURCHREICHE
Die Arbeitersiedlung von Alexander Klein in Bad Dürrenberg.

Alexander Klein wurde 1879 in Odessa geboren und emigrierte in den 1920er Jahren nach Deutschland. Dort beschäftigte er sich intensiv mit Studien zum Wohnungsminimum, einer Not, die aus den gesellschaftlichen Veränderungen im Zuge der Industrialisierung entstanden war. Seine Überlegungen und Skizzen, die er bis ins kleinste Detail ausarbeitete, konzentrierten sich insbesondere auf die »rationale« Anordnung von Grundrissen in Arbeitersiedlungen. Trotz engstem Raum sollte in den Wohnungen genug Licht, Platz, Wärme und Luft geschaffen und somit eine positive Auswirkung auf die Psyche der Bewohner gewährleistet werden.

In seiner »Untersuchung zur rationellen Gestaltung von Kleinwohnungsgrundrissen« schreibt Klein im Jahr 1927: »In der Tat wird niemand leugnen können, dass in den letzten Jahren die Grundlagen des Lebens sich geändert haben; wir haben nicht mehr die Mittel wie früher und müssen daher unsere Wohnung an Fläche und Raumgröße einschränken. Die Mehrzahl der Menschen hat keine Hausgehilfen mehr. Die Hauswirtschaft muss daher vereinfacht und erleichtert werden. Wir können nicht mehr das gesellige Leben von ehedem führen. Die Wohnung muss daher auf die eigensten Bedürfnisse der Familie, nicht auf Repräsentation, zugeschnitten sein. Diesen drei Gesichtspunkten müssen die neuen Grundrisse entsprechen.« Der Film »Durchreiche« beschäftigt sich mit einem der größten Bauprojekte des in der Weimarer Republik recht bekannten, heute in Deutschland jedoch fast vergessenen Architekten – der Gartenstadtsiedlung Bad Dürrenberg, die zwischen 1928 und 1930 für die Arbeiter der Leuna-Werke Merseburg erbaut wurde. Anhand der Siedlung beschäftigt sich der Film mit der Frage, wie die Grundidee einer Architektur und die Wohnbedürfnisse der darin lebenden Menschen zueinander inBeziehung stehen. Sukzessive beleuchtet er Differenzen zwischen der Architektur als Konzept der 1920er Jahre und ihrer heutigen Nutzung, die sich über den Wandel der Zeit hinweg mitunter noch verstärkt haben. Ein Element der filmischen Analyse ist die Durchreiche, die eigentlich Küche und Essraum miteinander verbinden sollte, von den Bewohnern aber zum Teil als unpraktisch bewertet und umgebaut wurde. Der Film fragt auch danach, wie Werk und Konzept von Alexander Klein »weitergereicht« wurden. Die LEUWO Leuna Wohnungsgesellschaft in Bad Dürrenberg bemühte sich, an den Verdienst des Architekten zu erinnern, unter anderem durch die Schaffung einer Museumswohnung. Ein Einblick in die Museumswohnung, die durch hinterlassene Möbelstücke von Bewohnern der Siedlung museal gestaltet wurde, deutet darauf hin, dass die Vision des Architekten von einer rational gestalteten Wohnung möglicherweise nie erfüllt oder verstanden wurde. Zwischen angehäuften Erinnerungsstücken und schweren Schränken lässt sich die funktionalistische Grundintention von Alexander Klein höchstens noch erahnen. 1933 emigrierte Alexander Klein nach Palästina. Dort avancierte er zu einem der einflußreichsten Siedlungsplaner und wurde Professor am Technion-Haifa. Es ist davon auszugehen, dass er durch seine Lehrtätigkeit grundlegenden Einfluss auf die architektonische Gestaltung des neuen Staates Israel nehmen konnte. Eine seiner Studentinnen war Myra Warhaftig (1930 – 2008), eine Architektin und Historikerin, die in den 1970er Jahren begann, die Geschichte deutsch-jüdischer Architekten, die unter dem Hitlerregime ins Exil gingen, zu erforschen. Ihre Recherche zum Werk ihres ehemaligen Professors führte sie in den 2000er Jahren auch nach Bad Dürrenberg – ein Besuch, an den man sich dort noch immer erinnert.

DANK AN
Marc Ballespí, Loic Bernet, Frau Bier, Irina Bondas, Prof. Dr. Zvi Efrat, Dan Eytan, Christa und Herbert Dickert, Guido Födisch, Ines Hahn, Leuwo Leuna-Wohnungsgesellschaft MBH, Heike Rehder, Ronja Rexheuser, Sebastian Richter, Ferdinand Salzmann, Lena Scheidig, Anna Schuchardt, die Projektgruppe

BESONDERER DANK
Grit Kloß, Günther Markgraf

EIN PROJEKT VON
Andrea Rüthel (andrea.ruethel@gmx.de)
Lena Schreiber (l-schreiber@gmx.de)

Filmlänge: 15:30 min

zum Film (passwortgeschützt)